Hotel Nooteboom (1)

Ein Film von Heinz Peter Schwerfel

Nur der Weihrauch wabert

Erlesen: Heinz Peter Schwerfels Film über Cees Nooteboom

(...) Heinz Peter Schwerfels Film über Cees Nooteboom, entstanden zu dessen siebzigstem Geburtstag, (...) begleitet den Schrifsteller an Orte, die mit seinen Texten in Verbindung stehen, nach Paris, Berlin, Budapert, Menorca und vor allem Lissabon, setzt ihn in Amsterdam in Szene, lässt ihn erzählen und vorlesen, befragt Freunde und Weggefährten - und vermeidet dabei, trotz des für einen Film von etwas über neunzig Minuten doch gedrängten Programms, alle Hektik, alles Spektakuläre, und selbst die dazwischengeschnittenen historischen Aufnahmen vom Mauerbau und dem Budapester Aufstand wirken eher melancholisch als aufgeregt.

Statt dessen versammmelt der Film eine ganze Reihe ausgesucht ruhiger Landschaftsbilder und lässt sich dafür viel Zeit, etwa in einer Einstellung, die erst den Himmel über Menorca zeigt und sich dann ganz langsam über die Insel senkt. (...) Und spätestens an dieser Stelle wird deutlich, wie und mit welchen Mitteln Marcel Neumanns Kamera versucht, mit Nootebooms reflektierenden Texten zu wetteifern: Sie hält meist Distanz zu den Geschehnissen, um in entscheidenden Momenten (und um so wirkungsvoller) das Detail zu beleuchten, auf das es ankommt ; (...) mit einer ganz und gar unanfechtbaren Ruhe, die jedes MTV-geschulte Auge in die sichere Verzweiflung treiben wird.

Alle anderen werden an den erlesenen Einstellungen dieses Films ihre aufrichtige Freude haben. (...) Nootebooms Freunde, darunter Max Neumann, Rüdiger Safranski und Laszlo Földényi, erzählen von Begegnungen mit dem Autor und mehr noch mit seinen Büchern, und weil sich auch hier die Kamera ganz behutsam und mit grossem Gespür für gediegene Perspektiven den jeweiligen Wohnungen annähert (...), ist im europäischen Wechsel der Schauplätze immer auch ein Element von heimatlicher Atmosphäre enthalten.

Einmal sehen wir auch Nooteboom in seiner Wohnung in Amsterdam. Hier habe er “Rituale” geschrieben, sagt er, dann liest er ein Stück daraus vor und empfiehlt schliesslich die Bücher Adalbert Stifters. Wegen dessen “Langsamkeit”. Wie begründet eine solche Empfehlung sein kann, zeigt Schwerfels Film aufs allerschönste.

Frankfurter Allgemeine 25.10.2004, Tilman Spreckelsen

Haut de page