DIE F.C. Flick Collection

Acht Bilder zum Nachdenken, ob’s so weitergeht

Süddeutsche Zeitung, 14. Januar 2005

IM BETT DES SIEGERS

Berlin, Flick und die Kunst: Wenn nicht gefragt wird, woher das Geld kommt

Auftritt Gerhard Schröder: "Kunst eignet sich nicht zum Reinwaschen." Das sagte der Kanzler bei der Eröffnung der "Friedrich Christian Flick Collection" in Berlin, im September 2004. Der Beitrag von Kunstfilmer Heinz Peter Schwerfel beginnt mit Schröders Festrede, in der ausgerechnet er die Trennung von Kunst und Politik fordert - eine Stunde später, am Ende des Films, weiss man: Sie lassen sich nicht trennen. Denn am Ende sagt Flick, der Enkel eines verurteilten Nazi-Rüstungsindustriellen ist, es sei die von ihm gesammelte, "Tabus brechende" Kunst der Gegenwart gewesen, die ihn zur Auseinandersetzung mit der Familienvergangenheit gebracht habe.

Autor Schwerfel, der Museumsleute, Kulturpolitiker, Künstler, Kunsthistoriker und Flick selbst zu Wort kommen lässt, vermag es nicht, den Widerspruch aufzulösen oder wenigstens zu erklären. Aber das will er vermutlich auch gar nicht. Eher geht es in den kapitelweise unterteilten Acht Bildern zum Nachdenken, ob’s so weitergeht um die schönen Oberflächen der Flickschen Kunstschätze, die opulent ins Bild gesetzt werden - zum Beispiel die schroffen Neon-Korridore Bruce Naumans, eine tragikomische Piraten-Elegie im Video von Rodney Graham oder das vom Künstler Franz West mit laufendem Motor im Fango-Bad versenkte Ducati-Motorrad aus Flicks Besitz.

Dass es überhaupt eine erhitzte Debatte um den Standort Berlin für die Kunstsammlung des Kriegsverbrecher-Erben Flick gegeben hat, erfahren wir erst nach zwanzig Minuten - Schwerfel setzt die Kenntnis des "Blutgeld"-Streits voraus, zeigt aber auch historisch erhellende Dokumente der Nürnberger Prozesse sowie von der Beerdigung des alten Flick, die noch ein veritabler Staatsakt war. "Die Deutschen hatten damals mit Flick kein Problem", bemerkt der Kunsthistoriker Beat Wyss - der findet, die "Stelle des Verbrechens" sei sogar der einzig akzeptable Standort für die F.C. Flick-Collection.

Interessant wird der Film, als von einem "Paradigmenwechsel" die Rede ist: Immer mehr Museen machen sich wegen Geldnot von privaten Kunstsammlern abhängig. Wir erleben eine "Refeudalisierung", sagt Wyss: Die Gesellschaft mache sich zu "Hofschranzen der Superreichen". Die Berliner Kulturpolitiker flicken an dieser Hierarchie kräftig mit. Klaus Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, weiss: "Wir" - die Museen - "schaffen die Aura." Das wissen auch Jason Rhoades, Diana Thater und Pipilotti Rist - Künstler, deren raumgreifende Installationen auf Museen angewiesen sind. Die Kunst frage nicht, wo das Geld herkomme, sagt Thater, so sei es immer gewesen. Und Wyss ergänzt; "Kunst ist im Bett des Siegers."

Der Sieger, das ist in diesem Falle: Flick. Er selbst sagt: "Ich hatte viel verdrängt." Ein Zeichen der Reue? Und was bedeutet das für die Kunst? Die Widersprüche bleiben.

Holger Liebs

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